Wenn man
einen Menschen zum letzten Mal sieht, ihm zum letzten Mal begegnet, dann
weiß man meist nicht, dass es das
letzte Mal gewesen ist. Ich habe Wilfrid das letzte Mal vor 15 Jahren
getroffen, in seiner Wohnung im Rabenkopf, zwei Wochen nach dem Tod seiner
Frau. Vor 15 Jahren waren wir hier. Am 2. März 1991 hat Wilfrid Abschied genommen von seiner Hildegard. Für ihn war es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder mit ihr zusammen sein würde. Ich nehme Abschied – hat er gesagt – doch nur für kurze Zeit, und freue mich auf ein Wiedersehen. Das war für ihn keine Floskel, kein Strohhalm, an den man sich klammert, an dem er sich festhielt, kein billiger Trost – es war seine ganz sichere, absolute und selbstverständliche Überzeugung. War er naiv? Er war wie ein Kind, das staunen kann und für das es Selbstverständlichkeiten gibt, die tragen, die fester Boden sind, auf dem man gehen, über den man aber auch schweben kann. Wilfrid André Perraudin – wer war er? Für mich war er ein großartiger Künstler, ein liebenswürdiger und liebenswerter Mensch und ein guter Freund. Ist damit alles gesagt? Natürlich nicht. Es ist nie alles gesagt und alles was gesagt wird, sind nur Bruchstücke, bleibt immer fragmentarisch. Jeder Mensch bleibt ein Rätsel, ein Geheimnis, manchmal sogar für sich selber. Auguste Renoir, der französische Impressionist schrieb an seinen Freund Claude Monet, als dessen Frau gestorben war: Es gibt nicht genügend Farben, dass man das Bild eines Menschen malen könnte, so wie er wirklich war. Es gibt nicht genügend Worte, zu beschreiben, wer er war. Die Erinnerung stellt eine Frage vor allem: Was hat dieser Mensch dir bedeutet? Und das müssen sie eben selber in ihrer Erinnerung befragen. Sie kannten ihn über Jahrzehnte in seiner Gegenwärtigkeit. Aber wenn die Gegenwart umkippt und zur Vergangenheit wird, werden die vielen Antworten, die man gehabt hat zur Sprachlosigkeit. Er hat seine Zeit gelebt und er hat in seiner Zeit gelebt. Und in dieser Spanne, zwischen den Markierungen von Geburt und Tod spielt sich nicht nur vieles ab, es wird so vieles gelebt, empfunden, geliebt, erlitten und genossen. Und jetzt also der Augenblick, da man von einem Menschen nicht mehr sagen kann: er ist, sondern nur noch: er war. Ein Wort verändert sich, die ganze Welt verändert sich für die, für die Wilfrid Perraudin ein Stück ihrer Welt war. Jetzt müssen wir die letzten Worte sagen, das letzte Wort zu ihm Adieu. Das heißt: Gott befohlen. Gott befohlen - so wir denn daran glauben können, glauben dürfen. Allerdings: das letzte Wort über einen Menschen zu sagen, sagen zu wollen, das wäre Anmaßung. Wir müssen Abschied und Abschied nehmen heißt - die Endgültigkeit begreifen, die Endgültigkeit, die nie mehr umkehrbar ist. Und die Worte, die wir sagen, zeigen und entlarven gerade in diesem Augenblick die Doppelbödigkeit der menschlichen Existenz, sie zeigen die Hilflosigkeit und die Ehrlichkeit zugleich. Ein ganzes Leben können solche Worte nicht umarmen. Abschied nehmen heißt auch, noch einmal auf die Suche gehen, nach dem Leben eines Menschen. Die Stationen kennen Sie. Aus Burgund kam er, der satten Landschaft genießender Franzosen. Die Genialität seines Zeichnens war ihm in die Wiege gelegt. Das älteste Blatt, das ich von ihm sah in einer Ausstellung im Wallgrabentheater hatte er 1925 mit 13 Jahren gezeichnet, sein Hund Fido. Perfekt und genial. Ich sah Dürer, da Vinci und im Hintergrund auch noch Matisse. Zu hoch gegriffen? Nein, nein. Kunst findet dort ihren Wert, wo sie ankommt. Die nächsten Stationen: In dem Jahr, in dem er Fido zeichnete, bestand er sein Examen, mit dem er als jüngster Student in die "Ecole Nationale Superieure des Arts Decoratifs" aufgenommen wurde. Nach zweijährigem Studium nahm ihn Raoul Dufy als Schüler in sein Privatatelier, eine seltene Auszeichnung, da Dufy insgesamt nur drei Schüler aufgenommen hat. Er arbeitete bei Raoul Dufy und half ihm bei seinen berühmten Stoffentwürfen für Biankini Ferrier. Nach zweijährigem Aufenthalt im Nahen Osten kam er nach Paris zurück und studierte zwei Jahre an der "Academie Superieur des Beaux Arts". Aber dann ergriff die Brutalität des Krieges auch sein Leben. 1942 wurde er nach Deutschland dienstverpflichtet und kam nach Berlin zur "Tobis-Filmkunst". Dort lernte er seine spätere Frau kennen und lieben – Hildegard. Die Jahre nach dem Krieg waren hart und entbehrungsreich. 7 Jahre in Paris, dann – ab 1952 – Freiburg. 1947 kam der erste Sohn René zur Welt, 1953 der zweite, Luc. Und es kamen die Erfolge, die Anerkennung, die Bekanntheit, sein Ruf, die Bewunderung. Nach dem Tod seiner Frau Hildegard ging er weg aus Freiburg, zu seinem Sohn René nach Berlin bis ihm seine Schwägerin Irene Wiehl ein doppeltes Domizil anbot, wo er bleiben und arbeiten konnte: ein Haus in Marburg und eines auf Mallorca. Nach einem prall gefüllten Leben starb er dort am 25. Mai 2006. Prall gefüllt – natürlich, mit allem, was er geschaffen und erarbeitet hat, allem, was er in Form und Farbe gefasst hat. Wenn ich alles sagen wollte, was ich über sein Werk zu sagen hätte, müssten wir noch lange zusammen sein. Und das zu sagende wäre natürlich sehr subjektiv. Zwei Aspekte, die mich immer wieder fasziniert haben: seine Landschaften. Seine Landschaften sind keine Abbildungen der Natur. Die Landschaft wird aufgelöst in Farbblöcke, in Teile, die zueinander in Beziehung gesetzt werden. eile der Landschaft, wie Gegenstände aufeinander bezogen, im Gespräch miteinander oder schweigend nebeneinander. Auch die Farbe spielt hier eine sehr wichtige Rolle: indirekte Komplementärfarben, ein violettes Grau einem orangegetönten Braun gegenübergestellt, das erzeugt Farbschwingungen besonderer Art. Und das zweite: seine Zeichnungen, seine Linien. Die Bleistiftzeichnung der Hände fasziniert durch die Strichführung ebenso wie Portraits den Eindruck erwecken, dass er nicht nur genau gesehen hat und das gesehene akribistisch nachschafft, sondern dass er das, was er zeichnet liebevoll abtastet und so formt und zeichnerisch formuliert. Nicht Nachbild und nicht Abbild, sondern neugeschaffenes Ebenbild. Ganz anders geht er in seinen großflächigen Konturzeichnungen vor. Akte und Portraits in Umrissen, ostasiatische Schriftzeichen übertragen ins Figürliche, ins Gegenständliche. Sie wirken flächig, kräftig, dekorativ. Sie deuten die Tiefe nur an, lassen sie ahnen. Diese Konturierung ist für einen großen Teil, für lange Perioden der Arbeiten Perraudins sehr typisch. Schließlich die Aktzeichnungen in Kohle. Ich halte sie für ein Produkt, für ein Ergebnis ganz großen Könnens, einer außerordentlichen Meisterschaft. Dieser Sprung von den Konturzeichnungen zu den Kohlezeichnungen ist ein ganz raffiniertes Surplus – könnte man meinen. In Wirklichkeit war es sicher Intuition. Er hat die Konturen nicht einfach mit Flächigkeit ausgefüllt, im Gegenteil, Konturen werden plötzlich weggelassen, ausgespart, werden der Phantasie des Betrachters überlassen, anheim gestellt. Die menschliche Figur ist im Raum, erzeugt Dimensionen: Spannungen und Ruhe zugleich. Das Werk bleibt, aber der Mensch ist gegangen. Lebt er in seinem Werk weiter, in seinen Kindern, in seinen Freunden? Nein, hätte Wilfrid gesagt, zu allem Nein! Ich lebe mit euch weiter, ich selbst. Ihr müsst euch das nur gefallen lassen. Wenn ich ihm gerecht werden will, kann ich nur sagen: Ich nehme Abschied von einem Menschen mit dem gewissen Glauben, dass ich ihm wieder begegnen werde - in Gott. Anderswo ist eine solche Begegnung nicht möglich, nicht denkbar. Ich fordere Sie nicht auf, diesen Glauben zu teilen, denn Glauben kann man nicht teilen. Ich bitte sie nur: bleiben sie ihm nahe, weil er es verdient hat. Nahe mit ihren Gedanken, in ihrem Herzen oder auch bei Gott. Wir alle sind gekommen, ohne dass man uns gefragt hat. Wir alle müssen wieder gehen – ob wir wollen oder nicht. Wenn wir bleiben können, dann nur in Gott. Sie können sich das nicht vorstellen. Ich auch nicht. Aber es geht nicht um unsere Vorstellungen. Bei Gott ist nichts unmöglich – sagt man. So ist es. Ich traue ihm alles zu. Er ist gegangen. Gott schenke ihm den Frieden, den jeder sucht, den er jetzt gefunden hat. Adieu – Gott befohlen. |
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